Nachdem sich alle anderen entfernt hatten, kam der junge Hausherr, bei dessen Hochzeit Ich das Wasser in Wein verwandelt hatte, und sagte: »Herr, diejenigen, die uns aus Judäa und Jerusalem gefolgt sind und sich nun draussen im grossen Gästezimmer mit Speise und Trank gestärkt haben, möchten noch ein Wort mit Dir reden. Soweit ich merke, wollen mehrere von ihnen in ihre Heimat zurückkehren und dort ihre Wirtschaften versorgen. Wenn Du es erlaubst, würde ich ihnen dies ausrichten.«
Ich sage: »Ich meine, dass dies unnötig ist. Wer bei Mir ist und bleibt, befindet sich wahrhaftig in seiner wahren Heimat. Wer sich aber diese allein wahre und ewig bleibende Heimat nicht erwirbt, wird ständig in öder Fremde umherirren wie ein verscheuchtes Wildtier, das in der Wüste Nahrung und Heimat sucht, aber weder das eine noch das andere findet. Schliesslich verschmachtet es vor Hunger, Durst und Kälte und wird am Ende zur Beute der reissenden Tiere, deren Heimat die leere Wüste ist.
Wem aber hat es bei Mir an etwas gefehlt? Ist nicht jeder täglich leiblich und geistig aus den Himmeln gesättigt worden? Hat jemand Hunger oder Durst gelitten, oder wurde jemand von einem weltlichen Gericht belangt, weil er mit Mir zog? Ich sage dir: Wer gehen will, der gehe; wer aber bleiben will, der bleibe! Denn Ich brauche die Menschen nicht, aber die Menschen brauchen Mich. Wer Mich verlässt, wird auch von Mir verlassen sein; und wer Mich nicht sucht, den werde auch Ich nicht mit grossem Eifer suchen. Geh nun hinaus und richte ihnen das aus!«
Der Wirt sagt: »Herr, das fällt mir schwer. Dann wirst Du wohl auch diesen Bürgern von Kana böse sein, weil sie sich nun in ihren Häusern zur Ruhe begeben haben?«
Ich sage: »Du hast Mich nicht verstanden! Sieh, diese Bürger haben Mich bereits vollständig in ihre Herzen aufgenommen, und Meine Lehre ist ihnen heilig geworden. Diesen Juden dagegen ist Meine Lehre, die Ich in Sichar gegeben habe, in ihrer ganzen Fülle nicht recht; sie sehnen sich wieder mehr nach ihrem Sauerteig als nach ihren Wirtschaften und wollen deshalb nun heimziehen. Der Ehre wegen möchten sie Mir aber noch danken, damit ihr sie nicht für rohe, ungeschlachte Klötze haltet. Geh darum hinaus und richte ihnen unverhohlen alles aus, was Ich dir jetzt gesagt habe!«
Darauf stutzen alle gewaltig, weil sich einer nach dem anderen schwer getroffen fühlt. Einige ärgert dies; anderen geht die Sache zu Herzen. Sie denken in ihren Herzen darüber nach und sagen: »Er hat uns getroffen, und leider ist es so. Er möge es uns vergeben; wir wollen bleiben!«
Diejenigen aber, die sich dadurch beleidigt fühlen, sagen: »Wir werden gehen! Zwar hat es uns bei Ihm wahrlich an nichts gefehlt, aber wir sind dieses untätigen Skythenlebens nun überdrüssig. Zudem muss man bei Ihm ständig auf der Hut sein, sich nicht mit irgendeinem Wörtchen zu verfehlen. Denn dann hat man das Urteil sofort am Rücken kleben und muss sehen, wie man mit heiler Haut wieder auf einen guten Fuss kommt; von irgendeiner Nachsicht kann bei Ihm überhaupt keine Rede sein. Was Er einmal ausspricht, darüber lässt Er nicht einmal um ein Jota verhandeln. Darum wollen wir nicht länger bei Ihm bleiben.«
Die Reuigen sagen: »Das ist allerdings wahr. Mit den Priestern in Jerusalem lässt sich sehr wohl verhandeln, besonders wenn die Opfer dafür zu ihrer Zufriedenheit ausfallen. Mit Ihm aber lässt sich um kein Haar verhandeln, selbst wenn man Ihm die ganze Erde als Opfer darbringen könnte. Daher ist es bei Ihm gewiss etwas hart und schwierig auszukommen. Doch Er kann unmöglich etwas anderes als zumindest ein sehr grosser Prophet sein. Jedes Seiner Worte ist, genau betrachtet, voll Wahrheit, Kraft und Leben, und selbst die stummste Natur gehorcht Seinem Wink. Was sollten wir anderes tun, als zu bleiben, solange Er uns nicht Selbst von Sich fortschickt? Denn die Taten, die Er vor unseren Augen vollbracht hat, hat vor Ihm noch nie ein Mensch vollbracht; darum bleiben wir um jeden Preis bei Ihm!«
Die Beleidigten sagen jedoch: »Tut, was ihr wollt; wir gehen. Wenn wir dem Wirt etwas schulden, soll er uns die Rechnung ausstellen!«
Der Wirt sagt jedoch: »Ich führe keine Herberge für Fremde, sondern für die einheimischen Kinder Jakobs. Diese wohnen und zehren bei mir kostenlos, wie überall in Kanaan, dem Land, in dem Milch und Honig in Bächen fliessen.«
Nach diesem Bescheid erhoben sie sich, machten sich auf den Weg und eilen davon. Als sie bereits mehrere Wegstunden von Kana entfernt sind und vor Müdigkeit ihre Füsse nicht mehr heben können, fallen sie auf der Strasse nieder. Dort legen sie sich, einige Hundert an der Zahl, zur Nachtruhe.
Auf derselben Strasse zieht jedoch eine starke Legion römischer Soldaten von Jerusalem herab und stösst auf diese Karawane. Da die Erschöpften nicht zu wecken sind, werden ihnen die Hände gebunden. Weil sie keine gültigen Reisegenehmigungen vorweisen können, werden sie ausnahmslos als Gefangene nach Jerusalem vor Gericht geführt und dort eine Woche lang verhört. Nachdem sie als Juden ausgewiesen sind und Strafgebühren entrichtet haben, werden sie freigelassen.
Ein Teil dieser römischen Soldaten kommt am selben Morgen auch nach Kana. Als sie unser Haus durchsuchen und wir uns mit dem Reiseschein aus Jerusalem ausweisen, erheben sie keine weiteren Einwände mehr und ziehen nach Kapernaum weiter. Zuvor spricht der Oberste dieser Legion, nachdem er Mich erkannt hat, noch über manches mit Mir. Zugleich teilt er Mir mit, dass er nun längere Zeit in Kapernaum stationiert sein werde, wohin sich seine Familie schon einige Tage vorher begeben habe und wo er sie treffen werde. Dabei lädt er Mich auch ein, nach Kapernaum zu kommen und ihn zu besuchen; Ich sage ihm zu, dies nach einigen Tagen zu tun.
Zugleich fragt er Mich, ob Ich wisse, wer die grosse Karawane gewesen sein könnte, auf die er in der Nacht gestossen war, als sie auf der Strasse nach Jerusalem in tiefem Schlaf versunken lag.
Ich sage ihm, wer sie war, und freundlich lächelnd erwidert er Mir: »Ich habe mir sofort gedacht, dass ich da mit Kerlen dieser Art zusammengetroffen bin, die im tiefsten Grund nichts anderes als pharisäische Spione sind. Es würde mich sehr wundern, wenn Du sie nicht auf den ersten Blick als solche erkannt hättest!«
Darauf erwidere Ich ihm: »Du hast nicht ganz unrecht, wenn du sie als solche ansiehst. Als sie Mir jedoch aus Jerusalem und Judäa folgten, waren sie es noch nicht; nun aber können und werden einige von ihnen zu ihrem eigenen grössten Nachteil dazu werden. Denn die Tempelbrut liebt zwar den Verrat, fürchtet den Verräter aber mehr als den verratenen Feind und lässt deshalb keinem Verräter mehr die Freiheit. Fast jeder bekommt das verfluchte Wasser zu trinken, und von zehn kommt kaum einer mit dem Leben davon. Diejenigen, die daran zerplatzen, werden gewöhnlich des falschen Verrats beschuldigt und in Josaphat, wo eine Stätte verflucht ist, in der verfluchten Erde verscharrt. Dies wird auch das Los einiger von denen sein, die Mich an die Tempelbrut verraten werden! Denn Meine Zeit ist noch nicht gekommen.«