Es war inzwischen Abend geworden. Alle, die aus Judäa mit Mir gekommen waren und wegen ihrer grossen Müdigkeit den ganzen Nachmittag geschlafen hatten, erwachten einer nach dem anderen und wunderten sich, wie schnell der Abend gekommen war. Sie fragten Mich, was nun geschehen solle: ob sie eine Unterkunft suchen sollten oder ob Ich in der kühleren Nachtzeit weiterziehen würde.
Ich sagte: «Wenn die Menschen schlafen, wacht der Herr dennoch. Der Herr sorgt für alles, und die bei Ihm sind, brauchen sich um nichts zu sorgen, ausser dass sie bei Ihm bleiben. Macht euch daher auf, damit wir in diese Stadt der Samariter ziehen. Dort werden wir alle eine gute Unterkunft finden. Diese Frau hier, die Mir heute Mittag das Wasser verweigerte, besitzt ein geräumiges Haus, und Ich denke, sie wird uns die Unterkunft für zwei Tage nicht verweigern.»
Da fiel die Frau aus Liebe und Freude schluchzend vor Mir nieder und sagte: «O Herr, Du mein Heiland! Wie komme ich arme Sünderin zu dieser Gnade?»
Ich sagte: «Du hast Mich in dein Herz aufgenommen, das viel kostbarer ist als dein Haus. Daher wirst du Mich gewiss auch in dein Haus aufnehmen, das Jakob ebenso wie diesen Brunnen für seinen Sohn Joseph erbaute. Wir sind jedoch viele. Du wirst also zwei Tage lang viel zu tun und zu besorgen haben; doch daraus soll dir ein grosser Gewinn erwachsen.»
Die Frau sagte: «Herr, selbst wenn ihr noch einmal so viele wärt, würdet ihr bei mir alle bestmöglich untergebracht, soweit meine Mittel reichen. Mein Haus ist zwar hier und da schon sehr baufällig, hat aber viele saubere Zimmer, ist nach meinen Möglichkeiten recht gut eingerichtet und wird nur von mir, meinem Arzt und einigen seiner Diener bewohnt. Ich sage Dir, o Herr: Das Haus ist Dein. Du allein bist sein rechtmässiger Besitzer, denn Du hast das älteste Recht darauf. Komm daher, o Herr, und ziehe in Dein Haus ein! Von nun an gehört es ganz Dir und soll auch künftig Dein bleiben, samt allem, was darin ist.»
Ich sagte: «O Frau, dein Glaube ist gross und dein Herz lieblich. Darum sollst auch du Meine Jüngerin sein und bleiben. Wo immer dieses Evangelium verkündet wird, soll deiner in Ewigkeit gedacht werden.»
Darüber wunderten sich die Samariter etwas ärgerlich. Mehrere traten zu Mir und sagten: «Herr, wir haben doch auch Häuser, und es hätte sich besser geziemt, wenn Du bei uns Unterkunft genommen hättest. Denn das Haus dieser Frau ist bei uns sehr verrufen und eher eine Ruine als ein Haus.»
Ich sagte: «Ihr seid schon drei Stunden bei Mir und habt Mich wohl erkannt. Inzwischen ist es Abend geworden, aber keiner von euch hat Mir und Meinen Jüngern eine Unterkunft angeboten, obwohl Ich eure Bitte erhört und versprochen habe, zwei Tage in eurer Stadt zu bleiben.
Ich aber sah in das Herz dieser Frau, und es dürstete gewaltig danach, dass Ich bei ihr Unterkunft nehmen möge. Nicht Ich verlangte also nach einer Unterkunft in ihrem Haus, sondern ihr Herz verlangte danach. Weil es sich vor euch nicht laut zu äussern wagte, kam Ich diesem Herzen entgegen und bat es um das, was es Mir mit heisser Liebe, lebendiger Sehnsucht und voller Bereitwilligkeit zu geben wünschte.
Aus diesem höchst richtigen Grund nehme Ich nun für zwei volle Tage Unterkunft im Haus dieser Frau. Wohl dem, der sich deshalb nicht an Mir ärgert.
Ich sage euch: Wie jemand sät, so wird er auch ernten. Wer sparsam sät, wird spärlich ernten; wer reichlich sät, wird reichlich ernten. Niemand von euch hat Mir oder Meinen Jüngern bisher etwas angeboten; diese Frau aber gibt Mir sofort ihren ganzen Besitz als Eigentum. Wer von euch hat Mir das getan? Ist es da ungerecht, dass Ich ihr vor euch allen die gebührende Ehre erweise? Ich sage euch: Wer deswegen mit dieser Frau streitet, dem wird es in seinem irdischen Leben schlecht ergehen.»
Da sahen sich die Samariter erstaunt an, denn die Sache missfiel ihnen sichtlich. Dennoch fassten sie sich und baten Mich um die Erlaubnis, Mich am nächsten Tag besuchen zu dürfen.
Ich antwortete: «Ich lade euch nicht ein und lege euch keine Verpflichtung auf. Wer aber aus freiem Willen zu Mir kommen möchte, wird keine verschlossene Tür finden, sondern ganz freien Zutritt zu Mir haben. Wer kommen will, der komme; wer zu Hause bleiben will, der bleibe. Denn Ich zwinge und richte niemanden.»
Darauf machten sich die Samariter auf und gingen in die Stadt. Ich blieb noch eine kurze Zeit am Brunnen, und die Frau gab mit ihrem Krug allen Durstigen, die bei Mir waren, zu trinken.